Eigentlich war ich einfach nur als Teilnehmerin beim Journaling-Barcamp 2026 in Hamburg. Und dann â als es um Sessionvorstellungen und SessionwĂŒnsche gegangen ist â hat Heide eine Frage gestellt.
âKann mir jemand erklĂ€ren, wie ich ein Flipchart gestalte? Nicht wie ich darauf schreibe oder Schatten setze, sondern wie ich es aufbaue."
âJa, kann ich!â, schoss mir in den Kopf.
Heide arbeitet mit Prozessteams und wollte in einem Workshop die verschiedenen Rollen im Team sichtbar machen:
Wer hat welche Aufgabe?
Wie greifen die Rollen ineinander?
Wie arbeiten sie zusammen?
Sie hat genau gewusst, was sie zeigen möchte.
Aber nicht, wie sie das Flipchart fĂŒr den dazugehörigen Workshop aufbauen kann.
Und nach einer Themenabstimmung des Publikums, befanden wir uns kurz darauf mitten in einer spontanen Session zum Thema:
Wie komme ich vom leeren Blatt zu einem professionellen Flipchart â ohne Vorlage?
Das eigentliche Problem ist fast nie das Zeichnen
Was in der Runde schnell klar geworden ist: Die meisten scheitern nicht an fehlendem Können.
Viele wissen, wie sie am Flipchart schreiben, wie sie Symbole aus ein paar Strichen erstellen oder wo sie Schatten setzen. Sie können zeichnen. Aber sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen.
Sie stellen sich Fragen wie:
- Wie strukturiere ich ein Flipchart im Vorfeld?
- Welche Aufteilung macht Sinn?
- Wie viel bereite ich vor â und was entsteht live?
- Wie viel Inhalt ist genau richtig?
Das leere Blatt ist kein Zeichenproblem. Es fĂŒhlt sich nur so an.
Denn es ist ein Strukturproblem.
Der Wendepunkt: Klarheit vor Gestaltung
Statt ĂŒber Stifte und Schrift zu sprechen, sind wir in Heides Beispiel eingestiegen.
Ich habe ihr drei Fragen gestellt:
- Was ist das Ziel deines Flipcharts?
- Was soll am Ende klarer sein als vorher?
- Was genau soll durch das Bild deutlich werden?
Und dabei hat sich gezeigt:
Es geht nicht nur um die einzelnen Rollen.
Heide wollte einen Ăberblick geben. Es ist ihr darum gegangen, sichtbar zu machen, wie diese Rollen zusammenarbeiten und sich ergĂ€nzen.
Und damit hat sich auch das Vorgehen am Papier verÀndert. Denn je nach Botschaft oder Ziel braucht es eine andere Blattaufteilung.
Vom Inhalt zur Struktur: Warum es ein Dreieck wurde
Im GesprÀch hat sich gezeigt:
Es gibt drei Rollen innerhalb dieses Prozessteams und jede hat andere Aufgaben.
- Der Prozessverantwortliche hÀlt den rechtlichen und finanziellen Rahmen.
- Der Prozessmanager begleitet, moderiert und sorgt dafĂŒr, dass es vorangeht.
- Zwei Fachexperten arbeiten in unterschiedlichen âWeltenâ â KundengesprĂ€ch und finale Freigabe.

Und dann ist der entscheidende Satz gefallen:
âJeder hat mit jedem zu tun.â
Wenn alle mit allen verbunden sind, darf das Layout das auch zeigen.
Das passende Layout finden
Wenn du ein Flipchart ohne Vorlage entwickeln willst, hilft dir diese Frage:
Welche Struktur bildet meine Botschaft am besten ab?

Hier ein kurzer Ăberblick ĂŒber ein paar typische Layout-AnsĂ€tze:
1. Linear/prozessorientiert
FĂŒr Schritt-fĂŒr-Schritt-Prozesse. Nebeneinander oder als Zeitleiste. Auch fĂŒr Vergleiche oder GegenĂŒberstellungen.
Typisch fĂŒr Workshop-AblĂ€ufe oder Methoden.
Zum Beispiel: âVom Problem zur Lösungâ, Projektphasen oder die Schritte eines Feedback-GesprĂ€chs.
Auch zwei Spalten fĂŒr âVorher/Nachherâ oder âVorteile/Nachteileâ funktionieren hier gut.

2. ZirkulÀr/zyklusorientiert
FĂŒr KreislĂ€ufe oder wiederkehrende AblĂ€ufe.
Gut geeignet fĂŒr Prozesse, die immer wieder von vorne beginnen.
Zum Beispiel: Planen â Ausprobieren â Auswerten â Verbessern in einem Projekt oder Lernprozess. Auch Feedback im Team kann so dargestellt werden: Situation besprechen â RĂŒckmeldung geben â gemeinsam Lösungen finden â im Alltag ausprobieren.

3. Dreieck/beziehungsorientiert
Wenn mehrere Elemente gleichwertig miteinander verbunden sind.
Gut geeignet, wenn drei Rollen oder Faktoren zusammenwirken, zum Beispiel: Trainer â Teilnehmende â Auftraggeber oder Zeit â Kosten â QualitĂ€t im Projektmanagement.
Das Dreieck zeigt: Alle drei Seiten beeinflussen einander.

4. Strahlenförmig / zentrumorientiert
Wenn alles von einem Zentrum ausgeht.
Perfekt fĂŒr Themensammlungen rund um eine Leitfrage oder ein zentrales Konzept.
Zum Beispiel: âWas gehört zu guter FĂŒhrung?â, âWelche Faktoren beeinflussen Teamarbeit?â oder Modelle mit Ebenen wie Komfortzone â Lernzone â Panikzone.

5. ZufÀllig/sammelorientiert
FĂŒr Inhalte, die gesammelt, aber nicht gewichtet sind.
Typisch fĂŒr Brainstormings oder Ideensammlungen.
BeitrĂ€ge werden zunĂ€chst einfach gesammelt â etwa bei der Frage âWelche Herausforderungen habt ihr im Projekt?â oder âWas braucht ihr fĂŒr gute Zusammenarbeit?â.
Erst spÀter können die Inhalte geordnet oder geclustert werden.

Wenn alle miteinander in Beziehung stehen wie die Teamrollen, braucht es kein lineares Layout. Es geht auch nicht um ein Davor und Danach oder um einen Kreislauf. Es geht um Verbindungen und Interaktion zwischen allen drei Rollen.
Also ist ein Dreieck entstanden.
Denn es macht sichtbar, dass jede Ecke eigenstÀndig ist und gleichzeitig alle miteinander verbunden sind.
Oben der Prozessverantwortliche â als Rahmengeber, sichtbar gemacht durch einen gezeichneten Rahmen mit Paragrafenzeichen, Diagramm und Geldsymbol.
Unten links der Prozessmanager â mit Lupe, Stift und Papier als Symbol fĂŒr Moderation und Tools.
Unten rechts die beiden Fachexperten â auf zwei Weltkugeln, weil sie âin zwei Weltenâ arbeiten, wie Heide so schön beschrieben hat.
Schritt fĂŒr Schritt hat sich die Skizze fĂŒr ein klares Flipchart entwickelt, bei dem die Struktur stimmig war.

Ein professionelles Flipchart entsteht durch Struktur â nicht durch Deko
Ein professionell wirkendes und vor allem funktionierendes Flipchart entsteht selten durch schöne Zeichnungen. Die sind die Kirsche auf der Torte.
Ein professionelles Flipchart entsteht durch bewusste Entscheidungen.
- Welche Elemente sind gleichwertig?
- Wer oder was steht im Zentrum?
- Wer oder was ist verbunden?
- Was ist Ăberblick â was ist Detail?
Weil es Heide wichtig war, einen Ăberblick ĂŒber die gesamte Struktur eines Prozessteams zu schaffen, ist der Inhalt vom Chart bewusst reduziert geblieben.
Keine Aufgaben der einzelnen Teammitglieder. Keine weiteren Zusatzinfos. Einfach nur die Rollen im Ăberblick.
Im Nachgang habe ich das Flipchart ausgearbeitet. Vermutlich interessiert dich auch, wie sich die Skizze in ein gestaltetes Chart verwandelt. Habe ich recht?
Die Fertigstellung ist der Moment, in dem Flipcharttechnik ins Spiel kommt.
Beim Fertigstellen habe ich unter anderem diese Flipcharttechniken angewendet: lesbare Schrift; stimmige Farben, die strukturieren und den Blick lenken; Schatten, die Tiefe geben; Bildideen finden, die den Inhalt unterstĂŒtzen.
Und weil ich so herrlich im Flow war und dir zeigen will, welche unterschiedlichen Visualisierungen aus einer Skizze entstehen können, habe ich gleich drei Varianten erstellt, die ich dir hier zeige.
Je nachdem, welche Akzente ich setze, entsteht eine andere Wirkung:
ruhiger und sachlicher, kontrastreicher und dynamischer oder strukturierend durch gezielte Farbcodierung der Rollen

Vom fertigen Flipchart zur ArbeitsflÀche
Und jetzt hör nicht auf zu lesen! Das fertige Chart ist noch nicht das Finale.
Hier gehtâs erst richtig los!
Denn jetzt kommt der Moment, wo es zum Einsatz kommt. Und damit meine ich nicht aufhĂ€ngen â und aus.
In der ausgearbeiteten Version habe ich bewusst Raum gelassen.
So kannst du im Workshop:
- Post-its direkt auf dem Flipchart ergÀnzen
- Detailinformationen hinzufĂŒgen
- Beispiele sammeln
- Wortmeldungen sichtbar machen
Und wenn das Flipchart auf einer Pinnwand befestigt ist, kannst du sogar noch weitergehen: Du kannst die FlÀche daneben nutzen.
- ErgÀnzungen auslagern.
- Diskussionen clustern.
- Gedanken wachsen lassen.
Plötzlich ist das Flipchart nicht nur ein âErklĂ€r-Plakatâ, sondern eine Einladung, weiterzudenken und interaktiv zu sein.

Das beantwortet auch die Frage vom Beginn:
âWie viel Inhalt ist genau richtig?â
Meine Faustregel:
So wenig wie möglich.
So viel wie nötig.
Und immer: Ein Thema pro Chart.
Ein Ăberblicks-Flipchart â wie bei Heide â darf bewusst reduziert sein. Es gibt Orientierung und Ăberblick. Denn das war Heides Ziel. Die Details dĂŒrfen spĂ€ter ergĂ€nzt werden. Zum Beispiel mit Post-its oder Moderationskarten.
Ein Flipchart ist kein Handout.
Es ist ein Denkraum.
Wenn du merkst, dass du ânoch schnellâ drei Bulletpoints ergĂ€nzen willst, frag dich:
Hilft das der Klarheit? Dient das meinem Ziel?
Der âĂber den Flipchart-Rand hinausâ-Moment
Und dann war da noch dieser eine Tipp in der Session, auf den mich Michaela â eine weitere Teilnehmerin â spĂ€ter sogar noch einmal angesprochen hat.
âMit der Flipcharttechnik auch Handouts zu gestalten, war ein Augenöffner!", schwĂ€rmte sie begeistert mit einem Kaffee in der Hand.
Oh ja, das ist es! Nicht nur, dass sich die Struktur auf andere Formate ĂŒbertragen lĂ€sst. Sondern auch, dass die Flipcharttechnik â im kleinen Format Sketchnotes genannt â ĂŒberall funktioniert.
Wenn du verstehst, wie du ein Flipchart ohne Vorlage entwickelst,
dann kannst du:
- Handouts klarer aufbauen,
- Workshop-PinnwÀnde strukturieren,
- PrÀsentationen logischer denken und
- sogar Konzeptskizzen ĂŒbersichtlicher gestalten.
Aber noch mehr:
Du kannst deine Flipcharttechnik nutzen, um
- Handouts im Sketchnotes-Stil zu erstellen,
- vorbereitete Visualisierungen auf PinnwÀnden anzubringen,
- WorkshoprÀume durch vorgezeichnete Elemente bewusst zu strukturieren und
- ArbeitsflĂ€chen zu gestalten, statt sie nur zu fĂŒllen.
So entwickelst du ein Flipchart ohne Vorlage â Schritt fĂŒr Schritt
Lass uns heute noch einmal zusammenfassen: Wenn du mal vor einem leeren Blatt sitzt, geh so vor:
1. Ziel klÀren
Was soll am Ende klarer sein als vorher?
2. Kernaussage formulieren
Worum geht es wirklich? Rollen? Oder Zusammenarbeit?
3. Beziehungen prĂŒfen
Sind die Elemente linear, gleichwertig, abhÀngig, kreisförmig?
4. Layout bewusst wÀhlen
Linear, zirkulĂ€r, nebeneinander, strahlenförmig â oder wie hier: beziehungsorientiert im Dreieck.
5. Erst dann visualisieren
Symbole leiten sich aus dem Inhalt ab â nicht umgekehrt.
Wenn du zeichnen kannst â aber beim Aufbau hĂ€ngen bleibst

Dann fehlt dir kein Talent. Dir fehlt ein klarer Prozess fĂŒr die Entwicklung. Und genau den kannst du lernen.
In meinem kostenlosen Flipchart-Design-Goodie zeige ich dir,
5 Schritte, wie dein Flipchart sofort professioneller wirkt.
Hier findest du es:
Denn am Ende geht es nicht darum, schöner zu zeichnen. Sondern klarer zu denken.
Und genau das soll auch durch dein Flipchart möglich sein.
Fotos: Titelbild und Sandra vor dem Flipchart von inkblot.de. Danke, Tom!






